Yoga, der Flow und die Antwort aller Fragen

Yoga-Retreat auf Koh Samui

Die Zahl Yoga-Begeisterter war wohl nie größer. Gleichzeitig könnten die Gründe für die wachsende Zahl unterschiedlicher nicht sein. Wir sehnen uns nach Entspannung, Abhilfe für vermeintliche Gewichtsprobleme, einer zeitgemäßen allumfassenden Bewegungsform, innerer Ruhe und Gelassenheit oder „bloßer“ Selbstoptimierung. 

Yoga scheint plötzlich die Lösung aller Probleme zu sein, egal ob äußerlich oder innerlich. Die Verbesserung des Ichs wird zur auferlegten Lebensaufgabe und Selbstkasteiung und Disziplin zum gesellschaftlich geforderten Must-Do. Nach der anfänglichen Euphorie stellt sich Stagnation ein, wir taumeln unter dem Gewicht des Selbstanspruchs, pressen in einen 24-Stunden-Tag eine zusätzliche Stunde entspannende Meditation und gewinnen oft letztlich nichts außer einem vorprogrammierten Burn-Out.

Meine erste Yogaklasse genoss ich in einem Retreat auf Koh Samui. Gemäß meiner Vorstellung musste meine Thailandreise mit irgendetwas Wellness-artigem ergänzt werden, das Körper und Seele neues Wohlbefinden und Gelassenheit schenken sollte. Ich sah mich im Geist von einer atemberaubenden Haltung in die nächste fließen, Leichtigkeit und Eleganz sollten mich erfüllen. Die Realität traf mich härter als gedacht, als ich mit nass geschwitzten Handflächen verzweifelt versuchte, im Downward Dog die Fersen zum Boden zu senken. Staunend bewunderte und beneidete ich eine grazile Thailänderin im Kopfstand neben mir, während mein Körper nicht mal ansatzweise dazu fähig war, überhaupt mit den Bewegungen ein- und auszuatmen. Erst in den darauf folgenden Stunden lernte ich, wie alles aufeinander aufbaut und sich verschiedene Einzelteile zu einem Sonnengruß vereinigen können.

Und noch ein wenig später fiel mir auf, dass die Yogapraxis das immerzu drehende Gedankenkarussell bremsten. Ich war für einen kurzen Augenblick so mit dem Moment und – im positiven Sinne – mir selbst beschäftigt, dass meine Sorgen und Ängste zumindest kurzfristig in den Hintergrund traten. Wissenschaftler bezeichnen diesen geistigen Zustand als „Flow“. Kinder scheinen diese Kunst mühelos zu beherrschen, wenn sie konzentriert und ganz im Jetzt gefangen spielen oder malen. Wir verlernen diese Gabe im Alter oder können sie meist nur schwer erhalten. Zu viele belastende Eindrücke prasseln von außen auf uns ein, obwohl es letztlich kaum Sinn macht, Gedanken daran zu verschwenden.

Das bedeutet nicht, dass wir keine Pläne für Morgen schmieden oder Lösungen für unsere Probleme suchen sollen. Aber Kontrolle über nicht zu ändernde Umstände gewinnen zu wollen, stellt ein Quijote-reifes Unterfangen dar und raubt nur Energie.

Im Yoga steuern wir unsere Bewegungen durch unseren Atem. Gelingt uns die Übertragung dieser körperlichen Fähigkeit auf geistige Ebene, kontrollieren wir unsere Gedanken mit unserem Atem. Wir sortieren dabei vielleicht Unabänderliches aus, gewinnen neue Perspektiven und finden schließlich mühelos Antworten auf unsere Fragen. Vielleicht lernen wir auch, unser Leben mit mehr Ruhe zu betrachten und, wie Patrick Broome bereits sagte, uns selbst weniger wichtig zu nehmen. Vielleicht finden wir Gelassenheit, die keinesfalls den Stillstand der eigenen Entwicklung bedeutet, sondern Wege beleuchtet oder Optionen anbietet, die im Kopfchaos untergegangen wären.

Zugegeben: Ich predige Wasser und trinke Wein. Ich stresse mich selbst sehr und viel, mache mir große Sorgen um Nichtigkeiten und hadere mit mir und meinen Entscheidungen. Und doch wird der Lärm in mir leiser, wenn meine nackten Füße die Matte berühren und ich im Warrior II über meine Fingerspitzen blicke. Die Perspektive ändert sich, der Druck wird sanfter. Mein Geist und meine Bewegungen werden freier und flexibler und ich sehe Möglichkeiten wo zuvor nur Hindernisse waren.

Ein beliebtes Yoga-Zitat lautet „practice and all is coming“. Das kann ich sowohl auf als auch neben der Matte bestätigen. Es wird einfacher, Tag für Tag, Stück für Stück. Ich denke nicht, dass Yoga die Lösung aller Probleme bietet, aber vielleicht hilft es uns, die Antworten auf unsere eigenen Fragen zu finden und so unsere unnachahmliche eigene Großartigkeit zu entdecken und wachsen zu lassen.

 

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2 Kommentare

  1. Hi Namasté,
    ich finde deinen Blog – besonders deinen Beitrag zu Yoga – echt klasse!
    Deine Worte lassen sich wunderschön lesen und mir gefällt die Art und Weise wie du deine Yoga-Erfahrungen wahrnimmst und es schaffst diese zu beschreiben. Man nimmt quasi an einem Yogakurs teil.
    Mach weiter so! Ich möchte mehr lesen.

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